Pallade Veneta - Unicef: Erstmals mehr Kinder und Jugendliche fettleibig als untergewichtig

Unicef: Erstmals mehr Kinder und Jugendliche fettleibig als untergewichtig


Unicef: Erstmals mehr Kinder und Jugendliche fettleibig als untergewichtig
Unicef: Erstmals mehr Kinder und Jugendliche fettleibig als untergewichtig / Foto: JOHN MOORE - GETTY IMAGES NORTH AMERICA/AFP/Archiv

Erstmals sind laut einem UN-Bericht weltweit mehr Kinder und Jugendliche stark übergewichtig als unterernährt. Der Anteil von Fettleibigen unter den Heranwachsenden habe sich von 2000 bis 2022 auf 9,4 Prozent verdreifacht und übersteige demnach den Anteil der Untergewichtigen in Höhe von 9,2 Prozent, heißt es in dem am Mittwoch veröffentlichten Bericht des UN-Kinderhilfswerks Unicef. Auch in Deutschland ist Übergewicht bei Heranwachsenden ein großes Problem.

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"Wenn wir über Mangelernährung sprechen, geht es nicht mehr nur um untergewichtige Kinder", erklärte Unicef-Exekutivdirektorin Catherine Russell. Fettleibigkeit sei "ein wachsendes Problem, das sich auf die Gesundheit und Entwicklung von Kindern auswirken" könne. "Stark verarbeitete Lebensmittel ersetzen zunehmend Obst, Gemüse und Proteine in einer Lebensphase, in der Ernährung eine entscheidende Rolle für das Wachstum, die kognitive Entwicklung und die psychische Gesundheit von Kindern spielt", warnte Russell.

In dem Bericht ist von einem "historischen Wendepunkt" bei der Fehlernährung Heranwachsender die Rede. Die Zahl der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen im Alter von fünf bis 19 Jahren stieg demnach zwischen 2000 und 2022 von 194 Millionen auf 391 Millionen. Davon seien 188 Millionen sogar fettleibig, also adipös. Diese besonders ausgeprägte Form des Übergewichts wird mit Leiden wie Diabetes, Depressionen und bestimmten Krebsarten in Zusammenhang gebracht.

Der Anteil der untergewichtigen Kinder und Jugendlichen ging laut Unicef im selben Zeitraum um fast vier Prozentpunkte auf 9,2 Prozent zurück.

In Deutschland ist den Angaben zufolge jeder Vierte im Alter von fünf bis 19 Jahren übergewichtig, mit leicht steigender Tendenz: Von 24 Prozent im Jahr 2000 stieg der Anteil bis 2022 auf 25 Prozent. Der Anteil der adipösen Kinder in dieser Altersgruppe ist bei acht Prozent konstant, heißt es in dem Bericht weiter.

Fettleibigkeit ist laut Unicef erstmals in fast allen Weltregionen häufiger als Untergewicht. Ausgenommen davon seien die Länder, die südlich der Sahara liegen, sowie südasiatische Staaten.

Die Unterschiede zwischen Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer hätten allerdings abgenommen. Selbst in Staaten mit unterernährten Kindern gebe es zugleich an Fettsucht erkrankte Heranwachsende. Die an dem Bericht beteiligte Expertin Katherine Shats erklärte, dies liege unter anderem daran, dass Lebensmittelkonzerne in Krisenländern "große Mengen an Junkfood" verteilten, um für sich zu werben.

Die weltweit höchsten Adipositas-Raten bei fünf- bis 19-Jährigen in den 190 untersuchten Ländern weisen laut Unicef-Bericht die pazifischen Inselstaaten auf. Hier haben sich die Werte laut Unicef seit dem Jahr 2000 verdoppelt. Im Inselstaat Niue beispielsweise seien 38 Prozent der Kinder und Jugendlichen fettleibig, auf den Cookinseln liege ihr Anteil bei 37 und in Nauru bei 33 Prozent. Der Grund für diese Zunahme sei vor allem die Umstellung von traditioneller Ernährung auf billige, energiereiche importierte Lebensmittel.

Aber auch in Chile seien 27 Prozent der fünf- bis 19-Jährigen fettleibig. In den USA und den Vereinigten Arabischen Emirate seien es jeweils 21 Prozent.

Die Gründe sind laut Unicef "stark verarbeitete Lebensmittel und Fast Food mit einem hohen Gehalt an Zucker, raffinierter Stärke, Salz, ungesunden Fetten und Zusatzstoffen". Diese Art von Lebensmitteln seien preiswert und würden an von Kindern genutzten Orten "aggressiv vermarktet". Zudem erreiche die Werbung der Lebensmittel- und Getränkekonzerne Heranwachsende über digitale Kanäle.

Das Kinderhilfswerk warnt vor weitgehenden Folgen der Fehlernährung. Übergewichtige Kinder fehlten häufiger in der Schule, hätten Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl und seien häufiger Mobbing ausgesetzt. Übergewicht und Fettleibigkeit könnten sich zudem ein Leben lang schädlich auf die Gesundheit auswirken und führten zu hohen Kosten für die Gesundheitssysteme sowie sinkender wirtschaftlicher Produktivität.

Zugleich stellte Unicef klar, nicht die Kinder oder ihre Familien seien für das Problem Übergewicht verantwortlich. Vielmehr handele es sich um ein "Scheitern der Gesellschaft".

Unicef-Chefin Russell forderte daher politische Maßnahmen, die Kindern den Zugang zu "nahrhaften und gesunden Lebensmitteln" erleichterten. Als mögliche konkrete Schritte empfahl die UN-Organisation eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke und andere ungesunde Lebensmittel, verständlichere Inhaltsangaben auf Lebensmittelpackungen, Werbeeinschränkungen sowie Maßnahmen zur Neuausrichtung der Lebensmittelindustrie auf frisch, gesunde Produkte.

Dass Sport bei Übergewicht die Lösung sei, bezeichnen die Autoren des Unicef-Berichts als "Mythos". Es sei "unmöglich", allein durch körperliche Aktivität den gesundheitlichen Folgen von ungesunder Ernährung zu entgehen.

F.M.Ferrentino--PV

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