Pallade Veneta - Hunderrtausende protestieren in Frankreich gegen Sparpläne der Regierung

Hunderrtausende protestieren in Frankreich gegen Sparpläne der Regierung


Hunderrtausende protestieren in Frankreich gegen Sparpläne der Regierung
Hunderrtausende protestieren in Frankreich gegen Sparpläne der Regierung / Foto: Sameer AL-DOUMY - AFP

Aus Wut über die Sparpläne der Regierung sind am Donnerstag in Frankreich mehr als eine halbe Million Menschen auf die Straßen gegangen. Nach Angaben der Gewerkschaft CGT beteiligten sich landesweit mehr als eine Million Menschen an den Protesten, zu denen mehrere Gewerkschaften aufgerufen hatten. Das Innenministerium ging am Abend von mehr als 500.000 Teilnehmern aus, davon rund 55.000 in Paris.

Textgröße ändern:

Bis zum Nachmittag kam es am Rand der Demonstrationen zu kleineren Ausschreitungen. In Paris schleuderten vermummte Demonstranten Flaschen und Gegenstände auf Sicherheitskräfte, wie ein AFP-Journalist beobachtete. In Lyon wurden bei Zusammenstößen zwischen vermummten Demonstranten und Sicherheitskräften mehrere Menschen verletzt, darunter ein Journalist. Die Polizei setzte Tränengas ein. Auch in Rennes kam es zu Ausschreitungen. Insgesamt wurden laut Innenministerium landesweit elf Sicherheitskräfte und elf weitere Menschen verletzt.

Bis zum Abend wurden den Behörden zufolge landesweit 181 Menschen festgenommen. In ganz Frankreich waren insgesamt 260 Protestkundgebungen angemeldet.

"Wir haben eine klare Botschaft für die Regierung von (Premierminister) Sébastien Lecornu: Wir wollen einen Haushalt, der für steuerliche, soziale und ökologische Gerechtigkeit steht", sagte CFDT-Gewerkschaftschefin Marylise Léon, die an der Pariser Demonstration teilnahm.

Um eine Eskalation zu verhindern, waren etwa 80.000 Polizisten im Einsatz, ausgestattet mit Wasserwerfern und zahlreichen Drohnen.

Streiks mehrerer Berufsgruppen legten zudem Teile des öffentlichen Lebens lahm. Nach Angaben des Bildungsministeriums legten etwa 17 Prozent der Lehrkräfte die Arbeit nieder, die Lehrer-Gewerkschaft sprach von 45 Prozent. Knapp zwei Dutzend Gymnasien wurden durch protestierende Schülerinnen und Schüler blockiert. Die Pariser Universität Tolbiac wurde nach ersten Ausschreitungen im Zuge der Proteste geschlossen.

Auch der französische Bahnverkehr war von den Streiks betroffen: Etwa die Hälfte aller Regionalzüge fiel am Donnerstag aus. In Paris fuhren die meisten U-Bahnlinien nur stundenweise während des Berufsverkehrs. "Der Verkehr ist gestört, aber nicht komplett blockiert", sagte Verkehrsminister Philippe Tabarot. Im nordfranzösischen Lille blockierten Demonstranten zeitweise ein Bus-Depot.

"Wir wollen der Regierung zeigen, dass wir die Nase voll haben, jede Menge Steuern zu zahlen", sagte ein Fahrer der Müllabfuhr, Samuel Gaillard. "Ich war schon bei den Gelbwesten dabei, seitdem hat sich die Lage nur verschlimmert", sagte der 64 Jahre alte Bruno Cavelier aus Lyon bezogen auf die Gelbwesten-Protestbewegung, die 2019 zu massiven Ausschreitungen geführt hatte.

Der Pariser Polizeipräfekt hatte Ladeninhaber aufgerufen, ihre Geschäfte zu schließen. Die Regierung riet Beschäftigten, wenn möglich im Home Office zu bleiben. Innenminister Bruno Retailleau hatte sich zunächst optimistisch gezeigt: Die Proteste seien "weniger schlimm als erwartet", erklärte er am späten Vormittag.

Auslöser der Proteste, zu denen die Gewerkschaften aufgerufen hatten, waren die Sparpläne des inzwischen gestürzten Premierministers François Bayrou. Er hatte 44 Milliarden Euro einsparen wollen, unter anderem durch das Streichen von zwei Feiertagen. Darüber hinaus wächst bei vielen Franzosen die Wut auf Präsident Emmanuel Macron, der in den Umfragen auf einen Tiefpunkt abgerutscht ist.

Bayrous Nachfolger Lecornu, der noch keine neue Regierung ernannt hat, berät derzeit mit Vertretern der Parteien, um einen Haushaltskompromiss für das hoch verschuldete Land zu finden. Der geplanten Streichung von Feiertagen hat er bereits eine Absage erteilt. Er kündigte gewisse Einschränkungen bei Privilegien für ehemalige Premierminister an.

Lecornu war am Mittwoch mit Vertretern der linksgrünen und der rechtspopulistischen Opposition zusammengetroffen. Bislang zeichnet sich in den Verhandlungen kein Kompromiss ab. Mit der Vorstellung einer neuen Regierung wird nicht vor Ende kommender Woche gerechnet, nach der Rückkehr Macrons von der Generaldebatte der Vereinten Nationen in New York.

Die Beteiligung an den Protesten war am Donnerstag deutlich größer als an einem Protesttag in der vergangenen Woche, zu dem sehr verschiedene Gruppen in Onlinediensten aufgerufen hatten. Im Regierungslager bestehen Befürchtungen, dass die Proteste sich zu einer länger anhaltenden Bewegung ausweiten - die sich vor allem gegen Macron richtet.

Frankreich ist derzeit mit etwa 114 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes (BPI) verschuldet, das Defizit lag im vergangenen Jahr bei 5,8 Prozent des BPI. Die Rating-Agentur Fitch hatte Frankreichs Bonität deswegen in der vergangenen Woche herunter gestuft.

E.M.Filippelli--PV

Empfohlen

"Massive" Kürzungen: Linke kritisiert Vorschläge der Rentenkommission

Die Vorschläge der Rentenkommission stoßen bereits vor ihrer offiziellen Vorstellung bei der Linken auf scharfe Kritik. Die rentenpolitische Sprecherin der Linkspartei, Sarah Vollath, sagte der "Rheinischen Post" am Samstag, die Vorschläge seien "nichts anderes als massive Rentenkürzungen, bei denen die Union laut in die Hände klatscht".

"Bild am Sonntag": Rentenkommission will Rente mit 70 ab den 2090er-Jahren einführen

Das Reformpaket, das die von der Bundesregierung eingesetzte Rentenkommission am Dienstag vorstellen wird, sieht nach Informationen der "Bild am Sonntag" ("BamS") die Einführung der Rente mit 70 ab den 2090er-Jahren vor. Wie die "BamS" unter Berufung auf Informationen aus der Kommission berichtete, soll das Renteneintrittsalter ab 2032 an die erwartete Steigerung der Lebenserwartung gekoppelt werden. In den 2090er-Jahren würde dann die Rente mit 70 gelten.

"Der Fall Mette-Marit kann helfen": Lauterbach wirbt für Organspende-Reform

Der ehemalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) erwartet eine Neuregelung der Organspende noch in diesem Jahr: Die Chance auf eine Einführung der Widerspruchslösung in Deutschland sei gestiegen - auch wegen des öffentlichkeitswirksamen Falls der norwegischen Kronprinzessin Mette-Marit, sagte der SPD-Politiker den Funke-Zeitungen vom Samstag: "Der Fall Mette-Marit kann uns dabei helfen."

Schiffstracker: Zahl der Durchfahrten durch Straße von Hormus wieder gesunken

Nach einem vorübergehenden starken Anstieg des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus am Vortag ist die Zahl der Durchfahrten am Freitag nach Daten eines Schiffstracking-Unternehmens wieder gesunken. Bis zum Abend passierten acht Handelsschiffe die Meerenge, gegenüber mindestens 25 am Donnerstag, wie das Unternehmen Kpler mitteilte. Die iranische Seefahrtsbehörde gab derweil bekannt, dass alle Schiffe, die die Straße von Hormus passieren wollen, 48 Stunden im Voraus einen Antrag stellen müssen.

Textgröße ändern: