Pallade Veneta - Bundesregierung treibt Barrierefreiheit voran - aber Kritik für geplantes Gesetz

Bundesregierung treibt Barrierefreiheit voran - aber Kritik für geplantes Gesetz


Bundesregierung treibt Barrierefreiheit voran - aber Kritik für geplantes Gesetz
Bundesregierung treibt Barrierefreiheit voran - aber Kritik für geplantes Gesetz / Foto: Philippe LOPEZ - AFP/Archiv

Die Bundesregierung will die Barrierefreiheit in Deutschland vorantreiben - erntet aber für ein geplantes Gesetz viel Kritik. Es geht um die Änderung des Behindertengleichstellungsgesetzes: Einen Entwurf dazu beschloss das Kabinett am Mittwoch. Die Koalition plant diesem zufolge verpflichtende Auflagen für die Verwaltung, setzt im privaten Bereich allerdings auf "Eigenverantwortung", was Sozialverbände scharf kritisieren.

Textgröße ändern:

Der Gesetzentwurf sieht vor, dass bis 2045 alle bestehenden Gebäude des Bundes barrierefrei werden müssen. Die Behörden sollen zudem künftig noch mehr Hinweise und Informationen barrierefrei anbieten, also in einfacher und verständlicher Sprache.

Auch im privaten Bereich soll die Barrierefreiheit gefördert werden, die Bundesregierung will Unternehmen aber nicht dazu verpflichten. Diese sollen stattdessen im Bedarfsfall durch "angemessene Vorkehrungen", also zum Beispiel eine mobile Rampe, den Zugang zu ihren Gütern und Dienstleistungen ermöglichen. Es werde "auf Eigenverantwortung und Dialog der Beteiligten" gesetzt, heißt es dazu in der Gesetzesvorlage.

"Je mehr Barrieren wir für Menschen mit Behinderungen abbauen, desto stärker sind wir als Gesellschaft", erklärte Bundessozialministerin Bärbel Bas (SPD). Sie betonte, dass mit der Weiterentwicklung des Behindertengleichstellungsgesetzes "ein wichtiges Vorhaben des Koalitionsvertrags" umgesetzt werde. Der Bundestag muss der Reform allerdings noch zustimmen.

Dem Beauftragten der Bundesregierung für Menschen mit Behinderungen, Jürgen Dusel, geht diese nicht weit genug. Das Hauptziel, Deutschland auch im privaten Bereich barrierefrei zu machen, werde "nicht erreicht", erklärte er.

Die angemessenen Vorkehrungen, zu denen die Bundesregierung Geschäfte und andere private Anbieter verpflichten will, seien "nur kurzfristige Lösungen", bemängelte Dusel. Um bauliche Veränderungen wie den Einbau eines Fahrstuhls gehe es nicht. "Dabei ist unsere alternde Gesellschaft zunehmend auf Barrierefreiheit angewiesen."

Dusel kritisierte zudem, "dass die rechtliche Durchsetzung allein Sache der Betroffenen ist". Privaten Unternehmen, die Menschen mit Behinderungen benachteiligen, würden keinerlei Sanktionen wie Bußgelder drohen. Das Gesetz sei damit "ein zahnloser Tiger".

Von "einer verpassten Chance" spricht auch die Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, Ferda Ataman. Die Reform bringe "minimale Fortschritte und schafft maximale Unsicherheit". Sie gehe "in vielen Punkten an den Bedürfnissen der Menschen vorbei und ordnet ihre Rechte den Interessen von Unternehmen unter. Das ist bitter".

Sozialverbänden geht die Reform ebenfalls nicht weit genug. Der VdK hält sie "für unzureichend" und fordert Nachbesserungen. "Die Privatwirtschaft muss endlich stärker in die Verantwortung genommen werden, und die Durchsetzung der Rechte muss sichergestellt sein", sagte VdK-Präsidentin Verena Bentele der Nachrichtenagentur AFP.

Es gehe nicht nur um Millionen Menschen mit Behinderungen, sondern auch um Ältere, Eltern mit Kinderwagen und Menschen mit vorübergehenden Einschränkungen. "Für sie alle ist Barrierefreiheit entscheidend, damit die Versprechen von Chancengleichheit und Teilhabe nicht bloß leere Worte bleiben", betonte Bentele.

Die Reform "fühlt sich an wie eine Mogelpackung", sagte die Vorstandsvorsitzende des Sozialverbands Deutschland (SoVD), Michaela Engelmeier, AFP. Menschen mit Behinderungen würden seit vielen Jahren auf konkrete Fortschritte bei der Barrierefreiheit warten. Sie hätten sich dabei endlich greifbare Verbesserungen auch für private Unternehmen versprochen.

"Dass die Bundesregierung nun einen Gesetzesentwurf präsentiert, der strukturell so gut wie nichts verändert, das ist ein Schlag ins Gesicht einer ganzen Bevölkerungsgruppe", kritisierte Engelmeier. Notwendig seien "echte Reformen – nicht kosmetische Korrekturen".

Während die SPD den Entwurf laut Fraktionsvize Dagmar Schmidt im parlamentarischen Verfahren "weiter verbessern" will, zeigte sich die Union zufrieden. "Angesichts der anhaltend schwierigen wirtschaftlichen Lage vieler Unternehmen ist eine maßvolle Inpflichtnahme der Privatwirtschaft der richtige Schritt", erklärte der CDU-Sozialpolitiker Marc Biadacz.

In Deutschland leben laut Bundesregierung rund 13 Millionen Menschen mit Behinderungen – das sind etwa 16 Prozent der Gesamtbevölkerung. Nur drei Prozent dieser Behinderungen sind demnach angeboren, die große Mehrheit entsteht im Laufe des Lebens, vor allem im Alter.

C.Conti--PV

Empfohlen

Zahl der Arbeitslosen steigt im Juli wieder über drei Millionen

Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist im Juli wieder über drei Millionen gestiegen. Dies habe vor allem jahreszeitliche Gründe, teilte die Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg am Freitag mit. Demnach stieg die Zahl der Arbeitslosen im Vergleich zum Vormonat um 71.000 auf 3.007.000. Die Arbeitslosenquote nahm um 0,2 Prozentpunkte auf 6,4 Prozent zu.

Vergütung für Azubis mit Tarifvertrag um 3,9 Prozent gestiegen

Auszubildende mit Tarifvertrag haben laut einer Auswertung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung erneut von höheren Vergütungen profitiert. Im Ausbildungsjahr 2025/26 seien die tarifvertraglichen Ausbildungsvergütungen im Schnitt um 3,9 Prozent gestiegen, teilte das WSI am Freitag mit. Mittlerweile gebe es nur noch sehr wenige Branchen, in denen Auszubildende im ersten Jahr laut Tarifvertrag weniger als 1000 Euro im Monat erhalten.

Rhein in den Niederlanden nahe deutscher Grenze mit historisch niedrigem Pegel

Wegen ausbleibenden Niederschlags hat der Wasserpegel des Rheins an der deutsch-niederländischen Grenze den niedrigsten jemals gemessenen Pegel erreicht. Am Messpunkt Lobith westlich von Emmerich in Nordrhein-Westfalen sei "noch nie" ein tieferer Wasserstand registriert worden, erklärte das niederländische Wasser- und Infrastrukturministerium am Donnerstag.

Atomstromproduktion in mehreren Ländern wegen niedriger Flusspegel unter Druck

Die Atomstromproduktion in mehreren europäischen Ländern ist wegen niedriger Pegelstände von Flüssen und deshalb fehlenden Kühlwassers stark unter Druck. In Rumänien sind zwei Reaktoren des Kraftwerks Cernavoda außer Betrieb, in Ungarn wurde die Leistung des Kernkraftwerks Paks gedrosselt. Auch in Frankreich wurden in dieser Woche Reaktoren wegen der hohen Temperaturen abgeschaltet.

Textgröße ändern: