Pallade Veneta - Beispielloser Wahlkrimi im Bundestag - Merz wird erst im zweiten Anlauf Kanzler

Beispielloser Wahlkrimi im Bundestag - Merz wird erst im zweiten Anlauf Kanzler


Beispielloser Wahlkrimi im Bundestag - Merz wird erst im zweiten Anlauf Kanzler
Beispielloser Wahlkrimi im Bundestag - Merz wird erst im zweiten Anlauf Kanzler / Foto: Odd ANDERSEN - AFP

Beispiellose Kanzlerwahl im Bundestag: Erst im zweiten Anlauf wurde Friedrich Merz am Mittwoch nach einer Zitterpartie zum neuen Regierungschef gewählt. Ein halbes Jahr nach dem Bruch der Ampel-Koalition löste er damit an der Spitze einer schwarz-roten Koalition Olaf Scholz (SPD) als Kanzler ab.

Textgröße ändern:

Der Tag begann im Bundestag unter den Augen von Altbundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf der Besuchertribüne mit einem Paukenschlag, den es so in der Geschichte der Bundesrepublik bisher nicht gab: Merz fiel im ersten Wahlgang völlig überraschend durch. Nur 310 Abgeordnete gaben dem CDU-Chef ihre Stimme - nötig waren 316.

Die Union als stärkste Kraft im Parlament und die SPD als drittstärkste haben eigentlich zusammen 328 Sitze. Mindestens 18 Stimmen von schwarz-rot fehlten also. Wer die Abweichler waren, bleibt unklar, weil das Votum geheim war.

An die erste verfehlte Wahl schlossen sich nun im Bundestag mehrstündige Verhandlungen zwischen den Fraktionen an. Damit überhaupt noch am Dienstag ein zweites Mal gewählt werden konnte, musste das Parlament von seiner Geschäftsordnung abweichen - für diesen Schritt war eine Zweidrittelmehrheit nötig. Union und SPD verhandelten daher mit den Grünen und der Linkspartei. Beide stimmten einer nötigen Fristverkürzung schließlich zu - ebenso wie die vom Bundesverfassungsschutz inzwischen als gesichert rechtsextremistisch eingestufte AfD.

Im Vorfeld des zweiten Wahlgangs betonten alle Fraktionen die Bedeutung der Kanzlerwahl und warnten vor unkalkulierbaren Risiken, sollte diese scheitern. "Ganz Europa, vielleicht sogar die ganze Welt, schaut auf diesen zweiten Wahlgang", sagte etwa der neue Unions-Fraktionschef Jens Spahn (CDU).

Mit Verspätung schaffte es Merz im zweiten Anlauf dann aber doch: 325 Stimmen reichten schließlich für die Kanzlermehrheit. Merz nahm die Wahl unter großem Beifall im Plenum an - zu den ersten Gratulanten gehörte der nun abgelöste Kanzler Scholz. Merz erhielt dann in Schloss Bellevue von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Ernennungsurkunde - von diesem Moment an war der CDU-Chef der zehnte Kanzler der Bundesrepublik. Anschließend wurde Merz von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) vereidigt.

Auch Merz' Ministerinnen und Minister wurden am frühen Abend von Steinmeier ernannt und dann im Bundestag vereidigt. Der Bundespräsident wünschte dem 18-köpfigen Kabinett "Erfolge" beim Regieren. Die Bürgerinnen und Bürger müssten "darauf vertrauen können und erfahren, dass der demokratische Staat handlungsfähig ist und Probleme lösen kann", sagte er. Das Kabinett müsse seine Handlungsfähigkeit rasch unter Beweis stellen.

Am späteren Abend wollte die neue Regierung loslegen: Um 22.00 Uhr sollte Merz seine erste Kabinettssitzung leiten. Danach wurde die Veröffentlichung eines sogenannten Organisationserlasses erwartet, mit dem der genaue Zuschnitt der Ministerien festgelegt wird - und auch die Kompetenzen des neue gegründeten Digitalministeriums.

Die Opposition wertete den schwierigen Start der neuen Regierung als Zeichen der Schwäche für Merz und Vizekanzler und SPD-Chef Lars Klingbeil. Das Ergebnis zeige, "auf welch schwachem Fundament die kleine Koalition aus Union und von den Bürgern abgewählter SPD gebaut ist", schrieb AfD-Chefin Alice Weidel bei X.

Grünen-Ko-Chef Felix Banaszak stellte vor dem Hintergrund der verpatzten Kanzlerwahl im Bayerischen Rundfunk fest, "dass auch das Regieren in den nächsten Jahren in dieser Koalition nicht leicht wird". Linken-Ko-Chef Jan van Aken betonte, Merz gelinge es "nicht zu verbinden, sondern nur zu spalten".

Vertreter von Union und SPD warnten ihrerseits vor Schuldzuweisungen, um nicht gleich in Streitigkeiten zu verfallen, wie sie die im November zerbrochene Ampel-Koalition in ihrer Schlussphase prägten. Es bringe nun nichts, "weiter mit dem Finger auf den jeweils anderen zu zeigen", sagte der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Alexander Schweitzer (SPD) den Funke-Zeitungen. "Es wäre verrückt und verantwortungslos, mit dem Feuer zu spielen."

Der neue Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sah trotz der zunächst fehlenden Stimmen im Verhältnis mit der SPD keinen Vertrauensbruch. Im Zuge der Koalitionsverhandlungen sei "ein sehr dickes Band des Vertrauens" zwischen den Parteien entstanden, sagte er bei ntv. Daher gebe es nun "keine Schuldzuweisungen an die eine oder andere Seite".

B.Cretella--PV

Empfohlen

Umfrage: AfD in Mecklenburg-Vorpommern weiter deutlich vor SPD

Sieben Monate vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern liegt die AfD in einer neuen Umfrage weiterhin vorn. Laut der am Donnerstag veröffentlichten Erhebung das Instituts Forsa für die "Ostsee-Zeitung" kommt die Partei auf 37 Prozent und liegt damit deutlich vor der regierenden SPD, die 23 Prozent erreicht.

Protest gegen Mileis Arbeitsmarktreform: Gewerkschaften rufen Generalstreik aus

Aus Protest gegen die geplante Arbeitsmarktreform der argentinischen Präsidenten Javier Milei haben die Gewerkschaften des Landes den vierten Generalstreik seit dem Amtsantritt des Staatschefs ausgerufen. Am Donnerstag um Mitternacht (04.00 Uhr MEZ) begann der 24-stündige Ausstand der Arbeitnehmer, zu dem das größte Gewerkschaftsbündnis Argentiniens aufgerufen hatte. Die umstrittene Arbeitsmarktreform des ultraliberalen Präsidenten war vergangene Woche vom Senat gebilligt worden und soll nun im Abgeordnetenhaus beraten werden.

Linnemann offen für Altersbeschränkung bei Social-Media

In der Debatte um ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche hat sich CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann offen für eine Altersbeschränkung gezeigt. "Ich persönlich bin offen, weil ich glaube, wir brauchen Jugendschutz", sagte er am Donnerstag im ZDF-"Morgenmagazin". Das Problem werde dadurch aber nicht gelöst. "Wir verbieten auch Alkohol für junge Menschen und wissen genau: Im Zweifel können sie auch irgendwie drankommen."

Klingbeil schließt Steuererhöhungen nicht aus - aber Vorrang für Einsparungen

Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) will die Haushaltsprobleme des Bundes vorrangig über Einsparungen lösen, schließt aber auch Steuererhöhungen nicht aus. Es dürfe nicht die Ambition sein, durch Steuererhöhungen alle Lücken schließen zu wollen, sagte Klingbeil am Donnerstag dem Bayerischen Rundfunk. Dies habe Vorrang, ebenso wie die Stärkung des Wirtschaftswachstums. Danach könne man immer noch über eine Stärkung der Einnahmeseite reden.

Textgröße ändern: